Enter Sky!

Posted on Februar 14, 2013

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“We need more skies than coke.” Yoko Ono

Enter Sky!

von Regina Liebermann

Performance – und Konzeptkünstlerin, Musikerin, Aktivistin. Die Frankfurter Schirn, unter der Direktion von Max Hollein, zeigt in einer großen Retrospektive Yoko Onos Schaffen aus den letzten fünfzig Jahren.

Die junge Yoko Ono sitzt allein auf dem Boden. Fast unbeweglich. Sie schaut in den Raum. Das Publikum ist angewiesen, der Künstlerin das schöne schwarze Kleid vom Körper zu schneiden. Nacheinander kommen Personen ins Bild und schneiden Ono mit einer großen Schere Stoffstücke vom Leib: erst das Kleid, das weiße Leibchen, die schwarzen Strümpfe, dann Teile des BH´s, dessen Reste sie, ganz am Ende, fest an ihren Körper drückt.

Yoko Ono führt ihr Werk Cut Piece zum ersten Mal, mit einunddreißig Jahren, 1964 im Šogetsu Art Center in Tokio auf. 1965 ist sie damit in der Carnegie Recital Hall in New York zu sehen.

Damals in Japan mag es wohl, weder beim Publikum noch unter den Künstlern und den wenigen Künstlerinnen ein festes politisch-feministisches Bewusstsein gegeben haben. Erst Jahre später, vor allem in den 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts, wurden Themen wie männliche Gewalt gegen Frauen Teil des gesellschaftspolitischen Diskurses.

Und obgleich wir heute, ein halbes Jahrhundert danach, stärker auf Körpereinsatz Getrimmtes und Provokanteres gesehen und gehört haben, lässt diese Arbeit nicht kalt. Die als Videoinstallation in der Schirn zu sehende Aufführung thematisiert latente und offene Gewalt, hat aber in der Anfangszeit auch eine andere Deutung angeboten: Die Künstlerin gibt sich dem Publikum preis und opfert ihr schönstes Kleid. Das Publikum bekommt nicht etwas vorgesetzt, sondern darf sich das nehmen, was es haben will. Und obschon Ono das Werk Cut Piece auch mit männlichen Künstlern aufführen ließ, zeigt die Filmaufnahme aus den 60ern, dass es an dieser Stelle um eine gewaltbereite, unterwerfende, vorwiegend männliche Sicht auf die Frau geht. 

Half-A-Room

Half-A-Wind Show  ist der Titel der  Ausstellung in der Frankfurter Kunsthalle  –

so, wie schon der Name einer frühen Ausstellung in London. Und Half-A-Room heißt die Installation von 1967: ein halber Stuhl, ein halber Koffer, ein halbiertes Regal. Was hat es damit auf sich? „Es war eine jener Beziehungen, in denen man nicht miteinander zurechtkommt“, sagt Yoko Ono heute. Sie wachte eines Morgens auf und die andere Seite des Bettes war leer. Er war von seiner nächtlichen Tour nicht zurückgekommen. „Ich dachte, das ist interessant, dieses Gefühl, ich sollte etwas namens Half-A-Room schaffen. Weil wir nicht Personen sind, die alleine vollständig sind  –  die Hälfte von uns fehlt“, sagt Ono mit leichtem Lächeln. Und: Die Frage sei doch für jeden eine andere. Für den einen ist die Frage: Was ist die andere Hälfte? Für den anderen: Was hat dazu geführt, dass die andere Hälfte weg ist?

Yoko Ono rechnet fest mit dem Betrachter. Er ist die andere Hälfte. Er vollendet das Kunstwerk. Und zwar in seinem Kopf.

Onos Instructions: poetisch und wirksam

Und so basieren Onos Paintings und Pieces vor allem auf Ideen und gesprochenen oder geschriebenen Anweisungen, den Instructions. Ganz in der Manier der Fluxus-Bewegung führte eine vom Künstler vorgegebene Anweisung zu einem Kunstwerk.

Dabei zeichnen sich Onos Instructions durch einen besonderen Klang und eine feinfühlige Komposition aus. Für sich genommen Poesie. Wie in ihrem Earth Piece (1963): „Listen to the sound of the earth turning.”

Oder als Anweisung zu einem Painting oder einer Performance wie dem Bag Piece (1965), in dem die Ausführenden sich zu zweit in einem großen Stoffsack bewegen.

Das 1964 erschienene kleine Buch Grapefruit enthält unzählige dieser einzigartigen Instructions for Paintings und begründet Onos maßgebliche Bedeutung für die künstlerische Avangarde-Bewegung Fluxus, deren Teil sie schon alleine deshalb war, weil sie sich in starkem Maße an den von Fluxus-Gründer George Marciunas organisierten Aktionen beteiligte.

Die Konzeptkünstlerin 

Deutlich wird bei dem Gang durch die Half-A-Wind Show auch, das Ono, die in ihrer Jugend klassischen Klavier- und Gesangsunterricht erhält, auf der Klaviatur aller ihr verfügbaren Medien spielt: Paintings als Objekte oder Gedankenkunst, Texte, Filme, Videoinstallationen wie Ihr Sky -TV, Performances, konzeptuelle Fotografie, Mail Art, Werke im öffentlichen Raum, Soundarbeiten und schließlich die Kombination aus all dem.

Vielleicht ist es dieser Vielfalt und damit der Schwierigkeit der schnellen Einordnung geschuldet, dass Ono einem breiten Publikum als Künstlerin lange Zeit gänzlich unbekannt war. Und auch der Kunstbetrieb tat sich offensichtlich lange schwer, Yoko Ono einen festen Platz einzuräumen. Zwar gab es schon früh Museumsaustellungen, so nahm sie 1972 an der Dokumenta 5 teil, doch mag es die reiche Vielfalt der Ausdrucksgattungen und somit der fehlende äußere Wiedererkennungswert sein, der eine Bekanntheit des künstlerischen Werks verhindert hat. Und sicher hat der bisherige Markenwert Yoko Ono, gespeist mit dem öffentlichen Bild ihres Mannes John Lennon und der Wahrnehmung der gemeinsamen Musik- und Kunstprojekte  bis in die heutige Zeit von Onos künstlerischem Schaffen abgelenkt.

Ein roter Faden wird sichtbar in Yoko Onos Arbeiten: Indem sie sich auf sich selbst besinnt, sich auf ihr Leben und ihre Erfahrungen stützt, kann sie sich grundlegenden Fragen der Menschlichkeit, wie zum Beispiel Verlust, Vergänglichkeit, Gewalt oder Verbundenheit widmen. Wiederkehrend dabei die Beschäftigung mit den Grundelementen wie Feuer – Zerstörung, Wasser – Verbundensein oder Naturerscheinungen.

Wiederkehrend auch der leise Humor, der in allem steckt: 1965 verkauft die junge Yoko Ono vergangene und zukünftige Morgen in Form von beschrifteten Glasscherben auf dem Dach Ihres Wohnhauses in New York, gewidmet ist die Performance ihrem Freund und Fluxus-Gründer George Marciunas. Auf einer der Türen steht „Enter Sky“. In Frankfurt kann der Besucher seine 50 Cent Münze in einen der „Air Dispenser“ stecken. Die Retro-Kaugummiautomaten enthalten mit Luft gefüllte Plastikkapseln: „Air Capsules by Yoko Ono“.

Die Yoko Ono – Retrospektive in der Schirn Kunsthalle Frankfurt, vom 15. Februar 2013 bis

12. Mai 2013, danach geht es weiter im Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, später Kunsthalle Krems, 2014 Guggenheim Museum Bilbao.

Fotos von Regina Liebermann

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