Graffiti konfrontiert uns ungefragt

Posted on Oktober 13, 2013

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Sylvia Bernhardt sprach mit der Kuratorin Carolin Köchling (Foto) über die Street-Art-Brazil der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main

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c.art: Die aktuelle Ausstellung der Schirn Street-Art Brazil findet hauptsächlich auf Straßen und Fassaden in Frankfurt statt. Ist der museale Ausstellungsraum damit überflüssig geworden?

Die Entscheidung die Stadt als Ausstellungsdisplay zu nutzen, ist dem Graffiti geschuldet. Der Graffiteiro braucht kein Museum, um sichtbar zu werden. Er nimmt sich die Sichtbarkeit einfach, indem er in die Stadt malt. Ich als Betrachter kann mich nicht dafür oder dagegen entscheiden, Graffiti konfrontiert mich ungefragt. Das ist der Unterschied.

c.art: Wie haben sie die Eigentümer der Fassaden von der Idee überzeugt?

Es war klar dass wir an Knotenpunkte der Stadt gehen wollen, da Graffiti in den Megastädten Brasiliens ebenfalls eine enorme Präsenz in der visuellen Kultur hat. Banken einbeziehen, da diese zum Stadtbild von Frankfurt gehören. Natürlich mussten wir dafür die Besitzer, die unterschiedlichen städtischen Ämtern, wie Straßenverkehrsamt oder Denkmalamt für unser Projekt gewinnen.

c.art: Die Arbeiten der 11 verschiedenen Künstler finden sich unter anderem auf der Matthäuskirche, dem ehemaligen Polizeipräsidium auf Bankentürmen oder auf der Bodenfläche der Frankfurter Hauptwache. Was auffällt, dass es nicht das typische Graffiti ist.

Ja, die Wandmalereien der brasilianischen Künstler sind sehr poetisch und enthalten kaum Schrift. Man unterscheidet zwischen der brasilianischen Form des Tagging, genannt Pixação und Graffiti, wie die brasilianischen Künstler die großformatigen Murals, also Wandmalereien, nennen. Erst seit 1985, also nach Ende der Militärdiktatur, sind sie entstanden. Speto, Tinho und Vitché gehören zur ersten Generation.

c.art: Was ist die Motivation für die Künstler, Häuser und Straßen zu bemalen?

Street-Art in Brasilien ist sehr politisch. Das hängt sicherlich mit dem langen Schweigen während der Militärdiktatur zusammen. Daraus ist der Freiheitsdrang zu erklären, das Bedürfnis sich auszudrücken, anonym politische Aussagen zu treffen. Tinho, zum Beispiel. Er thematisiert die zahllosen Kindesentführungen, die es Anfang der 90iger Jahre in Brasilien gab. Er hat diese vermissten Kinder ins Bewusstsein zurückgeholt, indem er sie in den öffentlichen Raum gemalt hat. Diese Arbeiten sind bildgewordene Signatur. Das ist sein Brand. Seine Signatur.

c.art: Haben sich die Künstler in ihren Arbeiten auch mit aktuellen Themen aus Deutschland befasst?

Nein, das nicht. Wir stellen eine Bildsprache aus, die in einem anderen Kontext entsteht. Die Bilder bleiben brasilianisch, sowohl die Bildsprache, als auch die Themen, sie setzen sich nicht mit Deutschland auseinander.

Wobei die Arbeit von Nunca beispielsweise auch globale Phänomene mit einbezieht. Und natürlich entstehen durch die Konfrontation der Bilder mit Frankfurt auch neue Bedeutungen und wir lesen die Bilder auch anders.

c.art: Aber mit brandaktuellen brasilianischen Problemen?

Ja, zum Beispiel der Demonstrierende auf der Fassade der Frankfurter Sparkasse von Alexandre Orion. Ein meditierender Protestant hält zwei Steine in der Hand. Orion bezieht sich hier auf die aktuellen Proteste in Brasilien, die vor ein paar Wochen anfingen. Die Preise zum Beispiel für Bustickets wurden wegen der Fußball-WM erhöht. Der Protest ist aber nicht nur auf einen Punkt zurückzuführen. Die Menschen gehen auf die Straße und sagen: „So können wir nicht leben.“ Das bezieht sich auf die öffentlichen Schulen, das Bildungssystem, das Gesundheitssystem.

c.art: 2014 findet die Fußball-WM in Brasilien statt, aber es gibt auch einen Bezug zur aktuellen Frankfurter Buchmesse?

Ja, Anlass für unsere Ausstellung war Brasilien als Gastland der diesjährigen Buchmessen. Wir haben auch einen Katalog gemacht, der zu Messebeginn erscheint. Dokumentiert werden darin die Arbeiten im  Stadtraum von Frankfurt. Nunca, der Künstler, der auch die Brandmauer in der Niddastraße bemalte, hat das Katalogcover gestaltet. Er hat seinen tag-Namen auf die grauen, an Beton erinnernde Bögen  gesprüht. Einzelteile dieses Riesengraffiti bilden jeweils ein Katalogcover. So ist jeder Katalog ein Unikat.

c.art: Eine Ausstellung ist normalerweise zeitlich begrenzt. Was passiert mit den Arbeiten nach dem 27. Oktober?

Grundsätzlich ist Street-Art Brazil so angelegt, dass wir alles entfernen können. Wir haben das mit den Flächenbesitzern so vereinbart. Wenn jemand die Werke behalten will, so ist das auch möglich.


Die Ausstellung ist im Außenraum der Schirn Kunsthalle Frankfurt und an verschiedenen Orten Frankfurts noch bis 27. Oktober 2013 zu sehen. Die Kunstwerke sind frei zugänglich . Infos unter http://www.schirn.de Foto: Kraus, Schirn-Kunsthalle Frankfurt am Main

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