Avantgarde für ein Millionenpublikum

Posted on August 4, 2016

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Sylvia Bernhardt sprach mit dem Kurator Alexander Braun über die Schirn-Ausstellung Pioniere des Comic, eine andere Avantgarde:

c.art: Die Ausstellung zeigt sechs herausragende Serien von ausgewählten, vornehmlich US-amerikanischen Zeichnern: Winsor McCay, Lyonel Feininger, Charles Forbell, George Herriman, Cliff Sterrett und Frank King. Die Comics sind zwischen 1905 und den 40er Jahren in amerikanischen Zeitungen erschienen. Die Europäer indes akzeptierten das neue Bildmedium erst um 1930. Bis heute gibt es nur wenige Sammler, die dieses Erbe bewahren.

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c.art: Alexander, seit wann beschäftigst Du Dich mit dem Thema Comic und warum?

Alexander Braun: Ich habe nie aufgehört Comics zu lesen und war immer sehr fasziniert von der stilistischen Vielfalt und den tollen Themen weit jenseits von Asterix und Micky Maus. Und umso länger ich mich in der vermeintlichen „Hochkultur“ bewegte, umso bedrängender empfand ich die Stigmatisierung des Comics. Man kann keine ganze Gattung per se von einer qualifizierten kunsthistorische Betrachtung ausschließen, zumal wenn sie so eng verbunden ist mit der Persönlichkeit des Künstlers, der nicht selten in Personalunion als Autor/Erzähler und Zeichner auftritt. Warum sollten viele gezeichnete Bilder in Reihe weniger wert sein als z.B. Gemälde? Das hat mir nie jemand schlüssig darlegen können, also ist es offensichtlich falsch. Das hat auch etwas mit Gerechtigkeit innerhalb der wissenschaftlichen Disziplinen zu tun. Wir verlieren einen Teil unserer kulturellen Identität, wenn wir nicht zunächst allen Bildmedien die gleiche Aufmerksamkeit schenken. Wenn das befragte Produkt dann durchs Rost fällt, weil es seinen Wert nicht legitimieren kann, gut, dann ist das so. Aber man darf es nicht schlechthin von jeglicher Befragung ausschließen, nur weil einem die Gattung nicht passt.

c.art: Wir sind dabei, die Anfänge des Comics zu verlieren, eines Mediums, das doch die Wiege unserer heutigen Bildkultur ist: als gleichzeitige Wahrnehmung von Bild und Text und Vorläufer des Films. Wie erklärst Du Dir, das der Comic, anders als die Karikatur, bis heute nicht zur Hochkultur zählt?

Alexander Braun: Na, ich würde mal in Frage stellen, ob die Karikatur tatsächlich bereits in der Hochkultur angekommen ist. So wie sich der humoristische Film schwer tut, sich neben den vermeintlich ernsten, großen Themen zu behaupten, führt auch die Karikatur eher ein Nischendasein gegenüber Malerei und Skulptur. Dabei hat die Karikatur gegenüber dem Comic noch den Vorteil, dass es sich in der Regel um Einzelbilddarstellungen handelt. Den Comic hat von Anfang an verdächtig gemacht, dass er viele Bilder aufweist und dass er bereit ist, Teile des Bildes durch Sprechblasen zu verdecken. Das empfand man als vulgär. Nur das einzelne Bild ist ein gutes Bild. Im Kern ist es aber bis heute ein Kulturkampf. Der Comic wurde täglich von aber-millionen Menschen konsumiert, als erstes wirkliches Bild-Massenmedium: lesen und wegschmeissen, lesen und wegschmeissen… Morgen ist ja wieder ein neues Strip in der Zeitung. Das ist genauso, wie wir heute das Internet konsumieren: Bild und Text in Symbiose. Dazu inflationäre Neugenerierung.

c.art: Du hast mehrere Publikationen zum Thema Comic herausgegeben. Welche sind das?

Alexander Braun: Es hat angefangen mit „Das Jahrhundet der Comics“, dann kam die große Winsor McCay Retrospektive. Aus dem McCay-Buch hat sich das XXL-Buch „Complete Little Nemo“ im Taschen Verlag ergeben: der erste komplette Reprint von Little Nemo überhaupt. 549 Sonntagsseiten fast in Originalgröße. Dazu ein Supplement-Band zu Leben und Werk von Winsor McCay. Fast parallel erschien dann „Going West – Der Blick des Comics Richtung Westen“ und jetzt für die Schirn bei Hatje/Cantz „Pioniere des Comic“. Dazu diverse Beiträge in anderen Publikationen, wie z.B. aus Anlass der großen Comic-Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin 2010.

c.art: Die Gründung der German Academy of Comic ist ein weiteres Deiner Projekte, um die Anfänge des Comic zu bewahren. Welche Vision verfolgst Du damit?

Alexander Braun: Es gibt nur eine Vision: den Comic mit denselben Rechten und Pflichten in der Kultur und im Ausstellungswesen zu etablieren, gleichberechtigt neben allen anderen Gattungen. Comics bestehen immer zunächst aus einer Zeichnungen, in der Regel aus der Hand EINES Künstlers. Und Zeichnungen werden gewöhnlich in Museen ausgestellt. Punktum. Wenn sich zeigt, dass ein Comic genauso viel Verstand und avantgarde Kreativität aufweist wie ein Bild von Picasso, dann können die beiden auch nebeneinander hängen. Da braucht es keine Abqualifizierung durch ein Dasein in Nischen und Sparten. Gute Kunst ist gute Kunst, egal ob groß oder klein, in Tusche oder in Öl.

c.art: Du bist selbst als Künstler erfolgreich. Inwiefern beeinflusst Deine Tätigkeit als Kurator bzw. Sammler von Comics, Dein künstlerisches Schaffen?

Alexander Braun: Überhaupt nicht. (Glaube ich zumindest.) Ich hatte nie das Bedürfnis, Comiczeichner zu sein, und auch nie irgendein Interesse, in meine Kunst Comic-Aspekte zu integrieren. Ganz im Gegenteil: ich empfinde mein Engagement für den Comic eher als „Erholung“ vom Kunstbetrieb, weil ich keine eigenen künstlerischen Ambitionen in diesem Feld habe. Ich will den geschätzten und häufig verachteten Kollegen zu ihrer verdienten Anerkennung verhelfen, selbst wenn es erst posthum ist. Ich empfinde da eine Bringschuld, weil die Kultur ihnen über mehr als hundert Jahre hinweg nicht gerecht geworden ist.

Kurator Dr. Alexander Braun © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

Die Ausstellung läuft bis 18. September 2016 in der Schirn-Kunsthalle Frankfurt am Main. http://www.schirn.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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