Die Karriere eines Nagels und wie die Computertaste es auf den Kunstmarkt schafft

Posted on September 26, 2018

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von Sylvia Bernhardt

 

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Es gibt eine sehr aufschlussreiche Anekdote über Günther Uecker. Der Künstler, der vor allem durch seine Nagelbilder bekannt ist, blieb eines Tages ganz gelassen, als eine Besucherin in einer seiner Ausstellungen mit Ihrer Garderobe an einem Nagel hängenblieb. Ganz anders als erwartet, sagte er nur verständnisvoll, er könne das Bild jederzeit mit Nachschub aus dem Baumarkt um die Ecke wiederherstellen.

Wenn das immer so einfach wäre mit der Kunst. In den sechziger Jahren wurde der Zero-Künstler Uecker, der zeitgleich mit Gerhard Richter an der Düsseldorfer Akademie studierte noch vielfach belächelt. Heute zahlen Sammler und Kunstliebhaber für ein Einzelstück auch mal 1,87 Millionen Euro (bei Ketterer für Hommage à Paul Scheerbart.)

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Günther Uecker
Hommage à Paul Scheerbart („Scheerbartwesen“), Späte 1960er Jahre Nägel und weiße Farbe auf Rupfen, auf Holz
175 x 176 cm
€ 1.875.000

Die ausrangierten Computertasten, aus denen Peter Schönwandt seine Werke schafft, kommen aus Unternehmen wie z.B. einer Luft-und Raumfahrtbehörde, der Filmwirtschaft (von farbigen Profitastaturen für Cutter) oder auch einmal vom Erfinder des schon historischen Computerspiels PacMan, dem Japaner Toru Iwatani.

Wir wissen nicht ob Uecker zu manchem Nagel aus den 60igern ein besonderes persönliches Verhältnis hat. Schönwandt jedenfalls verwendet bei einigen Werken Tastaturen mit persönlicher Geschichte.

c.art Gab es eine Initialzündung seitdem Du Deine Bilder aus Tastaturen machst?

Peter Schönwandt (PS) Ja, doch. Viele Dinge die uns umgeben nehmen wir im Detail ja gar nicht mehr war.  Aber irgendwann habe ich beim Arbeiten am Rechner gedankenverloren auf meine Tastatur geblickt und sie ganz anders gesehen – jede einzelne Taste, wie sie arrangiert waren und was sich daraus für Muster ergeben. Das war unglaublich spannend, so als hätte ich was entdeckt und der Gedanke damit zu arbeiten hat mich nicht mehr losgelassen.

c.art Hast Du auch prominente Computertastaturen von Steve Jobs oder anderen eingesetzt?

PS Ich glaube ich habe schon viele Personen angeschrieben, aber heute, in einer Zeit, in der die meisten Menschen nur noch wischen anstatt zu tippen ist das gar nicht so einfach. Aber immerhin habe ich schon Tastaturen von Weltmeistern und Olympiasiegern aus dem Rudersport verarbeitet, und ich habe noch viele schöne Tasten aus dem Kontrollzentrum einer Raumfahrtbehörde. Ich glaube aber auch, dass für das Bild die Geschichte hinter den Tastaturen viel wichtiger ist als die Person.“

c.art Es könnten ja auch alte Wählscheiben von Telefonen sein, Du hast Dich für die Tastaturen von Computern als Ausgangsmaterial entschieden. Warum?

PS Tastaturen sind einfach eine unglaublich schöne „Farbe“. Optisch, haptisch und auch grafisch. Es gibt so viele wahnsinnige Designs, Oberflächen, Aufdrucke. An der Form kann man erkennen, aus welcher Zeit die Tastatur stammt und an der Oberfläche, also daran, wie abgenutzt welche Stellen sind, wie sie benutzt wurde. Und alle haben sie gemein, dass wir mit Ihnen unsere Gedanken in Worte gefasst haben. Emails, Konzepte, Rechnungen, Drehbücher, Quellcods, Werbeslogans, Gutes, Interessantes, Unnützes und Verbotenes. Die Tasten sind wie vollgesogen mit Geschichten.“

Mittlerweile haben es die Tasten von Schönwandt immerhin schon in das Heinz_Nixdorf Museumsforum, das Computerspiele-Museum Berlin und demnächst in das ZKM (Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe) geschafft.

Schönwandt’s Werke sind ab 27.09.2018 zu sehen in der Ausstellung Transit & Transitions (kuratiert von Lisa Klocke und Sylvia Bernhardt): bis 12.10. 2018 bei Aumann & Hochmuth Design, Ludwigstr. 12, 63067 Offenbach. (UAWG an transit@ah-d.de oder telefonisch unter: 069/43052270) Am Vernissageabend (27.09.2018, um 20 Uhr) wird es eine Versteigerung des Werkes „Big Grin“ von Peter Schönwandt zugunsten des Vereins Projekt Schmetterling geben (https://www.verein-projekt-schmetterling.de/).

Neben Peter Schönwandt zeigen wir Werke von Lyndi Sales, Mattia Noal, Silvia Ruggeri, Ira Vinokurova, Ildefons Höyng, Marianna Krüger, Oliver Aumann und Dunja Ratner.

Es handelt sich um eine Verkaufsausstellung.

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