Der Flug des Ikarus

Posted on Juli 15, 2019

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‘Verlangsamung‘ im Kunstforum der MVB –

eine Inszenierung mit Werken von Marie Luise Gruhne

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Marie Luise Gruhne : Installation im Kunstforum der Mainzer Volksbank mit „Ikarus“ im Rahmen der Inszenierung ‘Verlangsamung‘, 2019. „Ikarus“ – Holz, Leinwand, Finnpappe, Acryl, Federn (aus artgerechter Tierhaltung), zweiseitig, 2018, 130 cm x 112 cm x 4 cm. © Marie Luise Gruhne, Wiesbaden, 2019, Foto: Sandra Hauer, Wiesbaden

„Dädalus warnte seinen Sohn Ikarus bei seinem Flug über dem Meer darauf zu achten, nicht zu hoch und damit zu nahe an die Sonne heranzufliegen, denn hierdurch schmelze das Wachs, mit dem die Federn befestigt seien. Und er warnte ihn, nicht zu tief zu fliegen, da die Feuchtigkeit des Meeres in die Federn dringe und ihr Gewicht ihn dann nach unten ziehe“ (Auszug aus dem begleitenden Ausstellungstext).

Ikarus stieg, berauscht vom Erfolg des Fliegens, höher und höher… immer mehr in Richtung Sonne, die Warnung vergessend. Zu nahe an der Sonne, stürzte er schließlich in die Tiefe.

„Ikarus“ oder der Ikarustempel ist eine der herausragenden Arbeiten eines Werkzyklus, der in der aktuellen Ausstellung der Künstlerin Marie Luise Gruhne mit dem Titel „Verlangsamung“ erstmalig der Öffentlichkeit gezeigt wird. Das zweiseitige, frei schwebende Objekt – so der begleitende Ausstellungstext weiter – enthält den Hinweis zu einem menschlichen Streben, das über die Naturgesetze hinaus zielend in einem Scheitern endet.

Während des Aufbaues der Ausstellung ‚Verlangsamung‘, im Kunstforum der Mainzer Volksbank hatten wir Gelegenheit mit der Künstlerin zu sprechen:

c.art: Ich erkenne in Deinen Arbeiten, so auch in dem „Ikarustempel“, so etwas wie ein Tor oder auch ein Tempelportal. Was ist der Ausgangspunkt in Dir dafür?

M.L.G.: Ja, es ist ein Tor, ein Tempelportal, ein Tempel, manchmal auch ein Turm. Die Assoziationen sind sehr unterschiedlich bei den Betrachtenden. Ich nehme diese architektonische Struktur (ihre jeweiligen Proportionen werden durch Zufallsoperationen bestimmt) in meinen Arbeiten auf als geistigen Impuls, nicht als Abbildung. Diese Differenzierung ist wichtig für das Herangehen bei der Betrachtung, wichtig, um sich einem innerlichen Prozess dialogisch öffnen zu können und nicht in der Betrachtung motivisch hängenzubleiben … das gilt für den Betrachter wie für mich selbst, wenn ich innerhalb des Objektes künstlerisch agiere.

Der Weg dorthin hat sich sehr langsam und vor allem unbewusst entwickelt. Er begleitet meine Suche nach etwas Essentiellem, das hinter bzw. unter unseren Prägungen, den gesellschaftlichen und soziokulturellen, eben auch Kategorisierungen liegt – vielleicht auch wie eine Suche nach den Gesetzen des Seins, eben dem, was die Grundlage unseres Lebens ist, uns alle verbindend.

Ich spürte irgendwann, dass diese architektonischen Strukturen in mir Ruhe, Stabilität und Staunen wie auch Gefühle von Erhabenheit auslösen. Ich denke hier auch an Stonehenge oder an Stadttore, Tempel und Türme.

Schließlich realisierte ich, dass diese Formen, wie jene architektonischen Strukturen in den unterschiedlichsten Kulturarealen als Muster oder symbolische Bilder existieren. Es sind starke Bilder –Urbilder, die übergreifend ähnliche menschliche Assoziationen hervorbringen und uns auf dieser Ebene nonverbal verbinden und zwar unterhalb der Ebene einer Intellektualität. Das faszinierte mich.

Wie ein Quadrat, ein Kreis oder ein Dreieck versetzen uns diese Formen also in eine bestimmte Befindlichkeit oder auch archaische Stimmung.

c.art: Und was liegt für Dich hinter diesem Tor oder Tempelportal?

M.L.G.: Wenn ein Kreis Aspekte der Unendlichkeit erinnert, sind es bei einem Tor, Tempel oder Turm geistige Ideen, von einer Suche nach etwas Konstantem, den Wurzeln unserer Existenz. Fast jeder kennt das Erleben von Erhabenheit und Stille bei der Betrachtung eines Tores, eines Tempels oder einer Kirche. Es stellt sich in uns etwas ein – bewusst oder unbewusst wahrgenommen – wie ein Anhalten, Innehalten. Oft auch wie ein verstärktes Fühlen unseres Seins, ein darüber Nachdenken, was “dahinter” oder “davor” ist oder wie eine Begegnung mit uns selbst.

Du fragtest, was denn hinter diesem Tor sei….Das wäre dann auch meine Antwort auf Deine Frage.

Diese Urbilder sind also irgendwann auf meiner Suche, scheinbar wie von selbst, auf mich zugekommen und ich habe sie angenommen als einen geistigen Impuls, der inhaltlich in die gleiche Richtung weist, wie meine Suche innerhalb der Materie im Arbeitsverlauf.

Denn parallel spürte ich irgendwann, dass ich diese Suche – enthalten eben in dem geistigen Impuls dieser Urbilder – im Arbeitsverlauf selbst, innerhalb der Materie, prozessual durchlebe. Ich agiere dabei wie in einer Art „Objektraum“. Als Objekte erlebe ich dabei die Materie, die Materialien darin, von denen ich mich zu sich, zu ihrem Sein damit, ziehen lasse – zu ihrer jeweiligen Essenz also.

Ich arbeite in meiner Vorstellung damit nicht klassisch auf einem Bildträger (Farbe auf Leinwand), sondern in einer Art „Betrachtungsraum“: Innerhalb eines Raumes voller – durch Zufallsoperationen eingesetzter – Objekte, wie die Leinwand, Farbe, Gewebe, Papier, bewege ich mich dialogisch auf der Suche nach einer absichtslosen Wahrnehmung von Sein, einem Sein vor seiner traditionellen, intellektuellen bzw. intentionalen Einordnung. Ich versuche also aus Erwartungen und Absichten auszusteigen, die uns vom Sein, damit meine ich von seiner Essenz, entfernen.

c.art: …So suchst Du auf unterschiedlichen Ebenen aus Hinderungen auszusteigen, die durch Erwartungen und Absichten entstehen? Könnte man es so ausdrücken… einmal innerhalb des Arbeitsprozesses – so wie eben beschrieben von Dir – und dann mehr gleichnishaft visualisiert von Dir in Anlehnung an den Mythos des Ikarus, der sich durch seine Absichten von den Naturgesetzlichkeiten entfernte, was zu seinem Sturz führte?

M.L.G.: Ja, das steht für mich hinter der Arbeit zu Ikarus. Sie enthält in sich – innerhalb ihrer urbildhaften Gestalt – aber den Hinweis zu einer möglichen Korrektur bzw. Rückwendung zu etwas Essentiellem. Die Aussage in dieser Arbeit ist, wie Du auch differenzierst, hier mehr epischer Natur, während ich in den anderen Arbeiten die Rückwendung direkt – und selbst also – im Arbeitsverlauf lebe.

c.art: Wenn ich vor Deine Arbeiten trete und sie betrachte, dann beruhigt mich das. Es ist so, als würde ich innehalten. Als ob sie ein Zeitspeicher wären und mir beim Verweilen davor bereits abgelaufene Zeit zurückgeben. Wie lange brauchst Du, um eines Deiner Bilder herzustellen?

M.L.G.: Es sind die geistigen Impulse jener Urbilder, die in den Arbeiten wirken, aber auch der Aspekt einer möglichst unbeeinflussten Seinswirkung der Materie in den Objekten. Je mehr es mir gelingt, meine Absichten aufzulösen und mich zu diesen geistigen Impulsen, aber auch jenem Sein der Materie ziehen zu lassen, desto stärker – stelle ich aus den Reaktionen fest – wird das Innehalten beim Betrachter ausgelöst. Je mehr es mir also gelingt, meine subjektiven Absichten aufzulösen, desto stärker spricht die Arbeit mit dem Betrachtenden.

Dieser Prozess dauert manchmal sehr lange, auch Monate. Es gibt Arbeiten, an denen ich immer wieder über 4 Jahre hinweg arbeitete. Es ist damit ein Prozess, eine Verlangsamung, die aus ihnen heraus wirkt, ein Innehalten, das ich durchlebe beim Auflösen meiner Absichten, Erwartungen und Intentionen. Dieses Innehalten bzw. das Auflösen des auf die Zukunft oder Vergangenheit Gerichteten, wird für den Betrachter spürbar und löst diese Ruhe aus. Es gibt hierdurch mehr Gegenwärtigkeit – Auflösung von Schnelligkeit wie jenem aktuellen Streben nach Effizienz und Suboptimierung – und dadurch Kraft und Stabilität. Das fühlst Du, als würdest Du etwas von der abgelaufenen Zeit zurückgewinnen.

Es ist eine Verlangsamung, die in Dir geschehen ist.

Diese Wahrnehmungsprozesse sind vergleichbar unserem Erleben, wenn wir vor einem Meer stehen und die Grenzen zwischen diesem und unserem Sein sich zu verwischen beginnen oder unserem Fühlen vor einer erhabenen Architektur, wie einem Tor oder Tempel oder auch einem Turm, und in uns hierauf so etwas wie Stille entsteht.

c.art: Du hängst einen Teil Deiner Objekte auch frei in den Raum, so dass man sie von zwei Seiten betrachten kann, auch damit löst Du die Positionen eines traditionellen Bildes auf. Ist das so?

M.L.G.: Ja, das stimmt, ich versuche mit der Auflösung kategorialer Einordnungen auf mehreren unterschiedlichen Ebenen zu arbeiten und zu spielen. Der Keilrahmen, traditionell Träger des Abbild tragenden Gewebes, transformiert in einigen meiner Arbeiten, die ihm eigene Form zu einer metaphorischen Gestalt. Er spiegelt damit – an ein Tor, einen Tempel oder Turm erinnernd – den Weg seiner Auflösung. Man könnte also sagen, er wird wieder Holz in seiner Bedeutung auf einer ersten Ebene, auf einer zweiten Ebene spiegelt er geistig den Inhalt seiner Auflösung hin zum reinen Sein – nur „Holz zu sein“.

Ikarus stürzte ins Wasser, weil er die Gesetze des Seins, die ihm sein Vater nahe brachte, nicht berücksichtigte. Sein Vater warnte ihn. Er teilte ihm in seiner Warnung ganz einfach Naturgesetze mit: 1+1=2. Ikarus vergaß diese in seiner Begeisterung und seinem Übermut und stürzte ab. Ich möchte damit ausdrücken, dass alle Prozesse, die wir als Menschen anstoßen, nachhaltig nur dann erfolgreich sein können, wenn wir die Gesetze des Seins, die Naturgesetze berücksichtigen.

Die Form des Objektes „Ikarus“, das in ihr enthaltene Urbild einer Seinssuche, versinnbildlicht die Möglichkeit einer Rückbindung an das Wesentliche, führt damit auch in eine andere Richtung als das gängige Suboptimierungsdenken, wie das aktuelle Streben nach Schnelligkeit, Effizienz etc.. Dieses Streben ist für mich hauptverantwortlicher Motor auch für die diskutierten gefährlichen klimatischen Veränderungen. Anhalten, Innehalten – damit Verlangsamung, ist die Voraussetzung, wurde mir immer deutlicher, für ein grundlegendes Umdenken.

c.art: Wenn Du Dir etwas wünschen könntest. Welcher Ort, glaubst Du, wäre passend für Deine Kunstwerke, um sie voller Strahlkraft präsentieren zu können?

M.L.G.: Spontan fällt mir die Ausstellungshalle 1a in meiner Geburtsstadt Frankfurt am Main ein. Ich erlebe sie als einen Ort von reiner Schlichtheit, der Möglichkeiten eröffnet, unverfälscht in einen Dialog mit Kunst zu treten.

c.art: Das könnte ich mir auch gut vorstellen – Was hältst Du aber auch von den Räumen des Nassauischen Kunstvereins in Wiesbaden? Ich denke dabei insbesondere an die Räume in der ersten Etage. Es ist ihre Erhabenheit, begleitet von zwei Erkern, durch die es noch einmal die Möglichkeit gibt, etwas von der Stimmung her abzusetzen oder zu erhöhen – auch so etwas wie ein „Dahinter“, denke ich, fühlbar zu machen?

M.L.G.: Ja – diese architektonische Struktur regt in mir schon immer Imaginationen zu neuen Installationen an. Ich arbeite derzeit an einem Projekt mit dem Titel „Verankerung in Muße“. Das könnte sich dort sicherlich auch gut visualisieren lassen.

c.art: Das hört sich spannend an – ich könnte mir Deine Arbeiten aber auch gut in New York vorstellen …

Die Ausstellung Marie Luise Gruhne „Verlangsamung“ wird am 18. Juli 2019, um 19 Uhr im Kunstforum der Mainzer Volksbank in der Neubrunnenstraße 2, 55116 Mainz eröffnet. Die Vernissage wird moderiert von Prof. Dr. Matthias Müller, Professor für Kunstgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Am 15. August findet ein Künstlergespräch zwischen Marie Luise Gruhne und Prof. Dr. Matthias Müller statt.

Ausstellungsdauer: 19. Juli – 5. September 2019, Montag bis Donnerstag, 9-18 Uhr, Freitag von 9-13 Uhr. Ein Katalog zu den Arbeiten der Künstlerin kann in der Ausstellung erworben werden.

Das Gespräch führte Sylvia Bernhardt.

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